Ich erinnere mich an eine �hnliche Diskussionsrunde zur Todesstrafe bei einem Tref-fen �Menschen und Religionen� - ich glaube es war in Barcelona - als ein schiitischer Theologe aus dem Iran die Frage an einen christlichen Theologen stellte, ob Christen denn ihr heiliges Buch, die Bibel, nicht ernst nehmen. Er wies darauf hin, dass ja im ersten Teil der Bibel und insbesondere in den f�nf B�chern Mose, der Tora der Ju-den, die Todesstrafe f�r bestimmte Delikte eindeutig gefordert werde.
Er hat damit sicher einen wichtigen Punkt ber�hrt. Wir Christen haben zwar die B�-cher des so genannten Alten Testaments in unsere Bibel �bernommen, w�hlen aber kritisch aus, was wir im Geiste Jesu Christi f�r richtig und gut halten und was nicht. Und auch das Neue Testament, die eigentlichen christlichen Schriften, nehmen wir nicht buchst�blich, sondern kl�ren, was zeitbedingt daran ist und was der Kernbot-schaft des Evangeliums entspricht. Man kann �ber den Umgang mit heiligen B�chern durchaus streiten � und das w�re ein eigenes Thema! � aber wir haben uns in einer langen Geschichte f�r diesen Weg der Interpretation entschieden. Schon Martin Lu-ther hat gefordert, die Texte daraufhin zu pr�fen, ob sie dem Geist Jesu entsprechen.
Es ist auch keine Frage, dass die christlichen Kirchen durch die Jahrhunderte hinweg die Todesstrafe aus unterschiedlichen Gr�nden legitimiert haben, oft mit dem Hin-weis, dass der jeweilige Staat (die �Obrigkeit�) durchaus das Recht habe �ber menschliches Leben zu verf�gen. Und es gibt auch heute noch christliche theologi-sche Ans�tze, die die Todesstrafe nicht grunds�tzlich verbieten.
Ich m�chte an einem Text aus dem Neuen Testament zeigen, was aus meiner Sicht und nach meiner festen �berzeugung gegen die Todesstrafe spricht.
In einem Abschnitt im Johannesevangelium wir folgende Geschichte erz�hlt (Johan-nesevangelium 8,1-9)
Und fr�hmorgens kam er (Jesus) wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie. Aber die Schriftgelehrten und Pharis�er brach-ten eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?
Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen k�nnten. Aber Jesus b�ckte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne S�nde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
Und er b�ckte sich wieder und schrieb auf die Erde.
Als sie aber das h�rten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die �ltesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.
Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand ver-dammt? Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und s�ndige hinfort nicht mehr.
Nach der j�dischen Tora hat die Frau eine Tat begangen, die mit der Steinigung, also mit der Todesstrafe bestraft werden muss. Auch zur Zeit Jesu war diese grausame Form der Hinrichtung noch durchaus �blich. Und leider gibt es auch heute L�nder auf dieser Erde, die diese Form der Hinrichtung praktizieren.
Jesus geht es nicht um die Beachtung oder Mi�achtung eines Gesetzes. Er l�sst sich nicht auf eine kasuistische Diskussion ein. Er sieht einen Menschen. Er stellt die Frau in den Mittelpunkt. Es geht um ein Menschenleben, um ein einzigartiges, unverwech-selbares Gesch�pf Gottes.
Jesus wei�, dass er die M�nner, die zur Steinigung bereit sind, nicht mit Argumenten �berzeugen kann. Er versucht aber, die Ankl�ger in die Solidarit�t, das hei�t in die Gemeinschaft aller Menschen, zu holen.
Wer unter euch ohne S�nde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
Das hei�t: Kein Mensch ist frei von S�nde. Jeder Mensch wird bewusst oder unbe-wusst immer wieder schuldig am Leben. Am eigenen Leben, am Leben anderer Menschen, am Leben dieser Welt. Es gibt kein schuldloses Leben. Es geh�rt zum Wesen des Menschen, dass er immer wieder schuldhaft handelt.
Deshalb kann sich kein Mensch letztlich zum Richter �ber einen anderen Menschen machen. Gute Juristen wissen das. Wir wissen einfach viel zu wenig von einem an-deren. Wir kennen die Zusammenh�nge oft nicht, wissen nicht, unter welchen Um-st�nden ein Mensch aufgewachsen, warum er zum T�ter oder zur T�terin geworden ist. Und selbst wenn wir das zu verstehen suchen: Es bleibt ein Rest, ein Geheimnis in jedem Menschen, ein unantastbares Geheimnis, das die W�rde jedes Menschen ausmacht und diese W�rde hat � so glauben wir � jeder Mensch von Gott.
Der franz�sische Schriftsteller Albert Camus, kein Christ, ein Existentialist mit gro�er Liebe und ein entschiedener Gegner der Todesstrafe hat gesagt, dass der Mensch und sein Leben ein letzter, unhinterfragbarer Wert seien, dem alle anderen Rechte und Normen - auch die Gerechtigkeit - nachzuordnen seien.
Daraus ergibt sich ein zweites: Kein Mensch soll reduziert werden auf seine Taten. Jeder Mensch ist mehr als das, was er tut oder unterl�sst. Wir k�nnen zwar sagen: Das ist b�se, was du da tust! Aber wir k�nnen nicht sagen: Du bist ein durch und durch b�ser Mensch! Wir m�ssen und sollen die Taten von Menschen qualifizieren. Wir k�nnen Handlungen und Unterlassungen durchaus moralisch verurteilen oder loben. Von einer christlichen Ethik her bleibt aber ein elementarer Unterschied zwi-schen dem, was ein Mensch tut und dem, was er ist.
Die Geschichte, die von Jesus erz�hlt wird, ist eine wunderbare Geschichte und zwar deshalb, weil Menschen begreifen, dass sie eben auch s�ndige und fehlerhafte Men-schen sind. Ich bin nicht sicher, ob das immer gelingt, Menschen davon zu �berzeu-gen. Es gibt auch heute genug Menschen, die sich f�r moralisch gut, f�r vorbildlich, f�r fehlerfrei halten oder die zumindest gerne auf die herabsehen, die offenbar schlechter sind als sie. Es gibt Menschen, die deshalb kein Problem haben, anderen das Leben zu nehmen. Es gibt Menschen, die den Stein werfen w�rden ohne mit der Wimper zu zucken. Ich glaube aber nicht, dass sie sich christlich nennen d�rfen!
Dass es Jesus hier gelingt, diese M�nner zu �berzeugen und sie dazu zu bringen, die Steine fallen zu lassen, ist so gesehen ein Wunder!
Ein letztes, das sich hier zeigt: Nachdem die Frau sozusagen aus der Todeszelle geholt wurde, wird ihr ein Weg gezeigt. Es wird nicht gesagt: Es war gut, was du ge-macht hast. Jesus sieht ihr Fehlverhalten, aber er gibt ihr die M�glichkeit, ihr Leben zu ver�ndern: �...geh hin und s�ndige hinfort nicht mehr�.
Auch das geh�rt nach christlichem Verst�ndnis zur W�rde des Menschen: Kein Mensch muss so bleiben, wie er geworden ist. Jeder Mensch hat das Recht und die M�glichkeit sein Leben zu ver�ndern.
Mag sein, dass wir Menschen vor ihren eigenen Trieben sch�tzen m�ssen und dass wir die Gesellschaft z.B. vor M�rdern sch�tzen m�ssen, indem wir ihnen ihre Freiheit nehmen. Man kann einen Kinderm�rder nicht einfach laufen lassen und sagen: �Mach das nicht mehr!� Aber wir k�nnen auch einem brutalen Verbrecher mit der Barmherzigkeit Jesu begegnen, ihm m�glich machen, dass er Schuld einsehen und eingestehen kann und sich tats�chlich ver�ndert. Als Christen geben wir die Hoff-nung f�r keinen Menschen auf. Wenn wir einen Menschen t�ten, kann er nichts ein-sehen und kann er sich nicht ver�ndern.
Als Christen geben wir auch die Hoffnung darauf nicht auf, dass in allen L�ndern die-ser Erde die Todesstrafe abgeschafft wird. In Europa ist sie � Gott sei Dank � fast kein Thema mehr. In anderen Kontinenten sieht es leider noch anders aus. Die To-desstrafe sch�ndet das Antlitz der Menschen, die immer noch an ihr festhalten.
Wir brauchen noch viel Mut und Ausdauer und die �berzeugungskraft Jesu, damit Menschen die Steine fallen lassen und die Todeszellen und Hinrichtungsr�ume f�r immer verschwinden.