I. Vor 40 Jahren, am 8. Dezember 1965, am vorletzten Tag des II. Vatikanischen Konzils, wurde gleichzeitig in Rom und in Konstantinopel der Bann von 1054 �aus dem Ged�chtnis der Kirche getilgt�. Ein denkw�rdiges Datum. Vorausgegangen war nach Jahrhunderten des gegenseitigen Schweigens eine Begegnung zwischen Papst Paul VI. und dem �kumenischen Patriarchen Athenagoras in Jerusalem. Was damals noch eine Sensation war, ist in den letzten 40 Jahren fast schon ein gewohntes Bild geworden. Das gilt nicht nur f�r die Beziehungen zwischen Rom und einzelnen orthodoxen Kirchen; auch auf der Ebene der Di�zesen und Bischofskonferenzen oder von Bewegungen wie S. Egidio sind viele freundschaftliche Beziehungen entstanden. Viele gegenseitige Besuche, der Austausch von Theologiestudierenden und die Zusammenarbeit auf vielen Gebieten sind daf�r ein Zeichen.
In den letzten 40 Jahren hat sich � trotz allen noch bestehenden Schwierigkeiten und Spannungen � das Verh�ltnis zwischen den orthodoxen Kirchen und der katholischen Kirche tiefgreifend ver�ndert. Wenn wir in diesem Herbst nach einer vierj�hrigen Unterbrechung die Arbeit der internationalen theologischen Kommission wieder aufnehmen, wird dies � so hoffen wir � der Beginn einer weiteren wichtigen Etappe unserer Beziehungen sein.
II. Es ist freilich nicht leicht, das gegenw�rtige Verh�ltnis der orthodoxen und der katholischen Kirche genau zu beschreiben. Die beiden Worte �katholisch� und �orthodox�, welche man zur Bezeichnung des Unterschiedes ben�tzt, bedeuten urspr�nglich mehr oder weniger dasselbe. �Katholische Kirche� bedeutet urspr�nglich die wahre, die authentische und d.h. die orthodoxe Kirche. Umgekehrt meint �orthodox� urspr�nglich die Kirche, welche den wahren d.h. den apostolischen Glauben der katholischen Kirche bewahrt hat und ihn bekennt. So bekennen sich die orthodoxen Kirchen sich im niz�nisch-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis selbstverst�ndlich als ecclesia catholica; umgekehrt ist die katholische Kirche von heute der �berzeugung orthodox zu sein.
Beide Kirchen sind �berzeugt, die eine wahre Kirche Jesu Christi zu sein. Sie haben die Bibel und das niz�nisch-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis gemeinsam; nach katholischem Verst�ndnis haben sie ebenfalls alle Sakramente, besonders die Eucharistie gemeinsam. Wo aber Eucharistie ist, da ist die Kirche. Sie haben au�erdem das Bischofsamt in apostolischer Sukzession gemeinsam. Beide verehren sie die Gottesmutter Maria; sie haben viele gemeinsame Heilige.
Der gro�e, �kumenisch gesinnte russische Metropolit Nikodim war deshalb �berzeugt � und ich bin es ebenfalls � da� die lateinische Kirche des Westens und die Kirchen des Ostens zwei Teile (oder besser: zwei Teilkirchen) der einen Kirche Jesu Christi sind, und da� sie dies trotz ihres nun schon viel zu lange dauernden Schismas geblieben sind. Beide sind die eine Kirche Jesu Christi, auch wenn sie sich seit dem Schisma nicht in einer vollen sondern in einer unvollst�ndigen communio befinden.
Weder die katholische noch die orthodoxen Kirchen versteht sich darum als Konfessionskirche neben anderen Konfessionskirchen. Das ist eine Sicht, welche erst im Gefolge der Reformation aufgekommenen ist. F�lschlicher Weise hat man damals die �stliche und die westliche Kirchenspaltung parallelisiert und den grunds�tzlichen Unterschied zwischen beiden Kirchenspaltungen eingeebnet. W�hrend die katholische und die orthodoxe Kirche dieselbe sakramentale und bisch�fliche Struktur besitzen, ist diese in den protestantischen Kirchen teilweise verloren gegangen.
III. Yves Congar hat das Verh�ltnis zwischen beiden auf die auf den ersten Blick paradox klingende Formel gebracht: Zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche ist (fast) alles gleich und doch alles auch ganz verschieden. Beide haben n�mlich das eine gemeinsame apostolische Erbe von allem Anfang an in unterschiedlicher Weise aufgenommen und in der Folge unterschiedlich entfaltet. Der Osten hat mehr platonisch mystisch gedacht, der Westen mehr juridisch und pragmatisch. Das hat sie jedoch nicht darin gehindert, sich als die eine Kirche zu verstehen.
Schon im ersten Jahrtausend haben die unterschiedlichen liturgischen, spirituellen, theologischen und kanonistischen Ausdrucksformen zu Spannungen und Schismen gef�hrt. Man denke etwa an den Osterfeststreit, bei dem bereits um 155 die unterschiedlichen �berlieferungen hinsichtlich des Ostertermins aufeinander prallten. Der Streit konnte damals im Sinn gegenseitiger Toleranz und Liebe friedlich beigelegt werden. Dasselbe gilt von anderen Konflikten, etwa dem akakianischen (6. Jh.)und dem photianischen Schisma (9. Jh.). Das erste Jahrtausend war gar nicht so harmonisch, wie man es heute oft darstellt. Z�hlt man ale Schismen zusammen, dann kommt man auf mehrere hundert Jahre. Doch erst im 2. Jahrtausend hat das Erkalten der Liebe die Vers�hnung immer schwieriger gemacht und schlie�lich zu einem Schisma gef�hrt, das bis heute andauert.
Es ist aber historisch falsch, das Jahr 1054 zum Ursprung dieses Schismas zu erkl�ren. 1054 ist ein rein symbolisches Datum. Damals handelte es sich nicht um die Exkommunikation von zwei Kirchen, sondern von zwei Kirchenm�nnern und ihren Delegationen. Auf lateinischer Seite wurde diese Exkommunikation schon bald wieder aufgehoben. Sie findet darum in der damaligen Literatur keine Erw�hnung; niemand dachte damals an ein dauerhaftes Schisma. Man k�nnte eher an das Jahr 1204, an die Eroberung und Zerst�rung von Konstantinopel w�hrend vierten 4. Kreuzzugs denken. Das war ein besch�mendes Ereignis. Dennoch wurden auch damals nicht alle Kontakte abgebrochen. Die letzte Eucharistie vor der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen und dem Untergang des ostr�mischen Reiches im Jahr 1453 feierten Griechen und Lateiner in der Hagia Sophia gemeinsam. Solche sakramentale Gemeinschaft gab es in Einzelf�llen bis ins 17. Jahrhundert. Erst danach kam es zu einer als grunds�tzlich angesehenen Trennung.
IV. Vor allem seit dem II. Vatikanischen Konzil erkennen wir wieder: Die orthodoxe und die katholische Kirche sind im Grunde die eine Kirche Jesu Christi; sie sind die eine Kirche in unterschiedlicher liturgischer, theologischer, spiritueller und kanonischer Auspr�gung. Diese Unterschiede sind legitim. Beide m�ssen sich deshalb nicht erst zu der einen Kirche vereinigen; sie m�ssen vielmehr die in der Zwischenzeit gewachsene Entfremdung �berwinden, ihre schon bestehende Einheit neu entdecken und wieder volle Kirchengemeinschaft aufnehmen.
Solche Einheit bedeutet keine Uniformit�t; es geht um eine Einheit in der Verschiedenheit und eine Verschiedenheit in der Einheit. Wir d�rfen einander keine Lasten auferlegen, die �ber das Notwendige hinausgehen (Apg 15,28). Das war schon die Position des Apostelkonzils in Jerusalem. Das II. Vatikanische Konzil hat diese Position ausdr�cklich wiederholt (UR 18).
V. Die Probleme, welche sich der vollen Gemeinschaft heute noch entgegen stellen, sind teils grunds�tzlicher, teils mehr praktischer Art. Der wichtigste grunds�tzliche Unterschied sind die beiden Dogmen des I. Vatikanischen Konzil �ber den Primat und die Unfehlbarkeit des Papstes. Die internationale theologische Kommission will dieses Thema im Herbst endlich aufgreifen. Das wird nicht leicht sein und sicher nicht von heute auf morgen zum Erfolg f�hren. Aber es gibt schon heute Ann�herungen von beiden Seiten. Bei einem Symposium des P�pstlichen Einheitsrates im Mai 2003 haben wir zwar noch keine L�sung gefunden, aber doch Schritte aufeinander zu machen k�nnen.
Besonders wichtig war der Beitrag von Metropolit Johannes Zizioulas, den er j�ngst in der Zeitschrift �Trenta Giorni� (Juli 2005) nochmals ver�ffentlicht hat. Er hat gezeigt, da� es auf orthodoxer Seit keine Synodalit�t ohne Primat gibt, und da� der Primat nach orthodoxem Verst�ndnis nicht nur als ein geschichtlich gewordener �u�erlicher Ehrenvorrang verstanden werden darf sondern zum Wesen der Kirche geh�rt und Vollmacht einschlie�t. Das ist eine Position, von der aus man weiterkommen kann.
Das f�hrt mich zu den mehr praktischen Problemen. Die orthodoxen Kirchen nennen meist zwei solcher Probleme: das Problem des Uniatismus und das Problem des Proselytismus.
Zun�chst zum Problem des Uniatismus, d.h. der Methode, Teile von den orientalischen Mutterkirchen abzutrennen und sie mit Rom zu vereinigen. Im Westen werden die in voller Gemeinschaft mit Rom stehenden Ostkirchen oft als eine Br�cke verstanden, f�r die Orthodoxen dagegen sind ein schweres Hindernis und ein gro�es �rgernis. In dem Dokument von Balamand (1993) hat die katholische Kirche erkl�rt, der Uniatismus sei heute und in Zukunft keine Methode mehr um zur vollen Einheit zu kommen. Doch die bestehenden so genannten unierten Kirchen haben das Recht zu existieren, sie m�ssen sich freilich auch ihrerseits �kumenisch �ffnen.
Mit diesem Statement von Balamand sind noch nicht alle Fragen gekl�rt. Es ist aber eine Basis gefunden, von der aus man weiterkommen kann. Die noch offenen Fragen sollten vor allem durch direkte Kontakte gekl�rt werden. Deshalb bedauern wir, da� es bisher trotz entsprechender Angebote nicht zu Gespr�chen zwischen der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine und der dortigen russisch-orthodoxen Kirche gekommen ist. Ich frage mich: Warum lehnt man solche Gespr�che ab? Nicht Polemik, allein der Dialog f�hrt weiter.
Das 2. Problem, das von orthodoxer Seite immer wieder vorgetragen wird, ist das des Proselytismus. Auch hier hat die katholische Kirche wiederholt offiziell erkl�rt, da� Proselytismus weder ihre Absicht noch ihre Politik ist. Ich kann selbstverst�ndlich nicht ausschlie�en, da� es in einzelnen F�llen zu Verhaltensweisen kommt, die nicht in Ordnung sind. Solche Einzelf�lle von Proselytismus gibt es freilich auch auf orthodoxer Seite. Wo das der Fall ist oder der Fall zu sein scheint, sollte man vor Ort miteinander reden. Pauschale Vorw�rfe f�hren nicht weiter. Ebenso wenig kann man �rtlich Probleme, die etwa irgendwo in Sibirien vorkommen, nicht in Rom l�sen. Vielmehr sollten die Bisch�fe vor Ort Manns genug sein um zusammenzukommen und eine f�r beide Seite akzeptable L�sung finden. Oder man soll � wie wir es in Russland gemacht haben � eine Kommission einrichten, in der die Probleme besprochen und gel�st werden. Wenn Probleme auftauchen, dann hat es keinen Zweck das Gespr�ch abzubrechen; im Gegenteil, gerade dann, wenn Probleme da sind, sollte man das Gespr�ch suchen.
VI. Durch die Jahrhunderte lange Abwesendheit des Dialogs hat sich ein riesiger Berg von Vorurteilen, Missverst�ndnissen, Verurteilungen bis hin zu Hassausbr�chen aufgebaut. Ich will deshalb abschlie�end in aller K�rze f�nf Hinweise geben, wie wir konkret weiter kommen k�nnen:
1. Eine Reinigung des historischen Ged�chtnisses tut not. Unchristliches Verhalten gab es in der Vergangenheit auf allen Seiten. Das gilt es auf allen Seiten ehrlich einzugestehen und aufzuarbeiten. Auch nach schwerer Schuld sollte unter Christen Vergebung und Vers�hnung m�glich sein. 2. Wir m�ssen unsere gegenseitige Unkenntnis �berwinden; sie ist die eigentliche Ursache der Vorurteile und Missverst�ndnisse. Wir m�ssen uns besser kennen und dadurch mehr sch�tzen und lieben lernen. Dazu bedarf es gegenseitiger Besuche von Bisch�fen, Priestern, Theologen, Gemeinden und nicht zuletzt zwischen Kl�stern. 3. Wir brauchen den gegenseitigen Austausch unserer jeweiligen Gaben. Die zwischen uns bestehenden Unterschiede sind in den meisten F�llen nicht kontradikto-rischer sondern komplement�rer Art; sie erg�nzen sich, so da� wir von einander lernen, uns gegenseitig helfen und einander gegenseitig bereichern k�nnen.
So sind das synodale Prinzip der Ostkirche und das primatiale Prinzip der katholischen Kirche kein Widerspruch; sie m�ssen sich vielmehr erg�nzen und gegenseitig st�tzen. Dies gilt nach vorherrschender katholischer Meinung auch von dem Filioque-Zusatz zum Glaubensbekenntnis. Wir wollen das Filioque den orthodoxen Kirchen nicht aufzwingen; aber sie sollten es nicht als h�retisch bezeichnen und von uns nicht sie Streichung verlangen; es geht um zwei Aspekte der einen Wahrheit, welche letztlich ein unfassbares Geheimnis ist, die wir in keine der beiden Formeln einfangen k�nnen.
4. Angesichts der zunehmenden S�kularisierung in West- und Osteuropa brauchen wir ein verst�rkte Zusammenarbeit um f�r die christlichen Werte Europas mit einer Stimme sprechen zu k�nnen. Ich bin fest �berzeugt: Die Einigung von West- und Osteuropa wird ohne die Mithilfe der Kirchen, und d.h. ohne die Einigung der Kirchen nicht m�glich sein. 5. Letztlich ist die Wiederaufnahme der vollen Gemeinschaft kein akademischer und schon gar kein rein kirchenpolitischer Akt; wir k�nnen die Einheit nicht �machen�. Sie ist ein geistlicher, d.h. ein vom Heiligen Geist angesto�ener, getragener und geleiteter Prozess und letztlich ein Geschenk des Hl. Geistes.
Die Seele der �kumene ist daher die geistliche �kumene, das Einstimmen in das Gebet Jesu, �da� alle eins seien� (Joh 17,21). Unser Herr gab uns die Verhei�ung, da� wir, wenn wir in seinem Namen bitten, der Erh�rung gewiss sein d�rfen (Joh 14,13). Diese Gewissheit lasse ich mir � trotz mancher R�ckschl�ge und Entt�uschungen � nicht nehmen. Die volle Einheit der Kirche in Ost und West ist eine Hoffnung, die nicht tr�gen wird. Dieser Kongress ist ein Unterpfand f�r diese Hoffnung.