Sehr geehrter Pr�sident der Republik Burkina Faso,
sehr geehrte Vertreter der Kirchen, der christlichen Gemeinschaften, der gro�en Weltreligionen, verehrter Kardinal Poupard, Vorsitzender unserer Versammlung, liebe Freunde,
ich freue mich, ich bin bewegt, dass wir uns erneut in Assisi treffen, M�nner und Frauen verschiedener Religionen und aus verschiedenen L�ndern. Ich danke allen, die uns gro�z�gig aufgenommen haben, allen Vertretern des �ffentlichen Lebens. Ich erlaube mir den Erzbischof Domenico Sorrentino, der mir ein guter Freund ist, zu gr��en und ihm zu danken.
Nach zwanzig Jahren sind wir wieder hier. Und das nur aus einem Grund, einem einfachen und lebenswichtigen Grund: dem Frieden, einer Welt im Frieden. �Wir sp�ren, dass die Herausforderung, eine friedliche Seele in unserer Welt heranreifen zu lassen, uns alle angeht.� So stand es im Appell von Barcelona 2001, der den Geist unserer Treffen ausdr�ckte. Es ist nicht etwas, das erst vor kurzem begann, und vor allem heute nicht selbstverst�ndlich ist.
Wir sp�ren eine gemeinsame Aufgabe, auch wenn wir verschieden sind. Wir treffen uns, damit sich die Entfernungen zwischen den religi�sen und kulturellen Welten nicht noch mehr vergr��ern etwa durch publizistisch verbreiteten Hass und Verachtung. Manchmal tun sich Abgr�nde auf. Wir treffen uns, weil wir an das Sprechen, das Zuh�ren und den Dialog glauben.
Diesen Dialog nennt Paul Ricoeur, einer unserer geduldigen Lehrer, die �Gastfreundschaft gegen�ber dem anderen, mit seinen eigenen �berzeugungen�. Man kann sich nicht nur von Ferne beobachten, in Eile, mit dem verzerrenden Blick der Vereinfachung. Man muss sich vielmehr gegenseitig aufnehmen und bewirten. Der M�nch Enzo Bianchi, ein christlicher Denker, sagte .� Es ist nie umsonst, dem anderen zuzuh�ren, sondern man sollte sich von ihm begegnen lassen: zuh�ren hei�t, den anderen in uns audnehmen. �
Die Begegnung im Zuh�ren und in der Freundschaft ist Ausdruck der gegenseitigen Gastfreundschaft in einer Zeit, in der man den anderen aus Angst verjagt oder glaubt den anderen zu kennen, denn man sieht ihn ja aus der Ferne auf dem kleinen Bildschirm. Die Gastfreundschft, f�r die der Vater Abraham ein Sybmbol der monotheistischen Religionen ist: die Gastfreundschaft, die heute zum Teil im Lande Abrahams nicht zu verwirklichen ist, weil es gegenw�rtig leider von Konflikten heimgesucht wird, die seit mehr als einem halben Jahrhundert nicht heilbar erscheinen.
Assisi ist ein Ort der Gastfreundschaft. Hier lebte Franziskus, ein au�ergew�hnlicher Christ, au�ergew�hnlich, weil er dem Evangelium folgte. Er wurde zu einem Menschen des Friedens, als hier in seiner Heimat Krieg herrschte, im Mittelmeerraum und im Nahen Osten. Er war sanft und ein Mann des Gebetes, obwohl er unbedeutend war, hatte er eine gro�e Vision des Friedens und forderte so den Krieg und die Kultur der Gewalt heraus.
In Assisi lud Johannes Paul II. vor 20 Jahren im Jahre 1986 die F�hrer der Weltreligionen dazu ein, f�r den Frieden im Gedenken an Franziskus zu beten. �Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit�, sagte er, �wurde f�r alle so deutlich, dass ein innerer Zusammenhang besteht zwischen einer authentischen religi�sen Haltung und dem gro�en Gut des Friedens�. Es war eine gro�e Vision: die nicht zu leugnende spirituelle Dimension des Friedens heraufzubeschw�ren, die alle vor eine Frage stellt und die nicht einmal die Macht und die Kultur des Kalten Krieges unterdr�cken konnte.
Mit dieser Einladung des Papstes wurden Tr�ume und Erwartungen von vielen Menschen aufgegriffen, die es zu verschiedenen Zeiten des 20. Jahrhunderts gab und die h�ufig als Illusionen abgetan wurden in einer Welt voll Kriege und gewaltt�tigen Leidenschaften oder angesichts der Ohnmacht vor dem B�sen. Dies waren die Gedanken von gro�en und starken Geistern, die nicht verloren gehen durften. Hier wurden sie 1986 aufgenommen und durch eine einfache Geste die zugleich herausfordernd war, erneut als Vorschlag unterbreitet.
Obwohl die Soziologie gr��tenteils glaubte, dass die Religionen zum Aussterben verurteilt sind, hatte der Papst verstanden, wie sehr sie Konflikte zu einer heiligen Sache erkl�ren k�nnen, Missverst�ndnisse absegnen und sogar Gewalt und Terrorismus motivieren k�nnen. Sie k�nnen aber genauso gut wertvolle Kr�fte des Friedens sein. Daher musste man einander nahe sein, den Blick fest auf Gott richten, auf den, der �ber uns hinaus geht
.
Dieser 27. Oktober 1986 war ein kalter Tag, an dem der Wind kr�ftig �ber die H�gel von Assisi wehte. An diesem Tag fand das religi�se Ereignis mit der gr��ten Beteiligung im ganzen 20. Jahrhundert statt. Man verhandelte nicht, man debattierte nicht, man suchte nicht verwirrt nach einem Abkommen, man diskutierte nicht �ber Theologie. Vielmehr fastete man, man versenkte sich in Schweigen, im Gebet und in der Freundschaft. In Assisi betete einer neben dem anderen, nicht mehr der eine gegen den anderen, so wie es fr�her geschehen war.
Wir waren damals dabei. Einige von uns, ich selbst und einige Freunde von Sant� Egidio. Am Ende sagte der Papst: �Wir haben gemeinsam unsere Augen mit Friedensvisionen gef�llt: sie setzen Kr�fte frei f�r eine neue Sprache des Friedens, f�r neue Gesten des Friedens, Gesten, welche die verh�ngnisvollen Ketten der Entzweiungen zerbrechen, die von der Geschichte ererbt oder durch moderne Ideologien geschmiedet worden sind. � Der Friede ist eine Werkstatt, die allen offensteht, nicht nur Fachleuten, Gebildeten und Strategen.�
Durch dieses Ereignis wurden Energien f�r eine neue Sprache des Friedens freigesetzt. Es ist der Geist von Assisi. Diese Sprache haben wir seit 20 Jahren Jahr f�r Jahr versucht zu sprechen. Die offene Werkstatt wurde nicht verlassen. Man konnte sie nicht wie nach einem sch�nen Fest schlie�en und absperren, vielleicht aus Angst vor Erfolglosigkeit oder Kritik. Hier musste man weiterarbeiten.
Nach 1989, dem Ende des Kalten Krieges, haben sich die Konflikte wieder lauthals zu Wort gemeldet, die Gewalt hat sich auf neue Weise verbreitet und die terroristische Bedrohung ist auf schlimme Weise deutlich geworden. Einen Moment lang war der Frieden in greifbarer N�he, aber dann verlor er sich in den verschlungenen Wegen einer komplizierten und verworrenen Geschichte.
Die Werkstatt von Assisi er�ffnete Durchg�nge in neuen Mauern. Zumindest das. Wir wollten die Arbeit weiterf�hren. Ich spreche von Sant� Egidio, das sich mit seinen Freunden gemeinsam gerne bereit erkl�rt, wie man in diesen Tagen sieht, dieses Ereignis erneut Wirklichkeit werden zu lassen und die F�den einer grenzenlosen Freundschaft im Alltag aufrecht zu halten. Aber ich spreche auch von dieser Karawane von Menschen, Mitglieder verschiedener Religionen und Nicht-Gl�ubige, die an dieses Werk des Friedens glauben. Sie haben dieses Werk unterst�tzt, animiert, in viele St�dte der Welt gebracht und sie f�hlen sich an eine gemeinsame Antrengung gebunden, die jenseits der religi�sen Unterschiede ausgef�hrt wird. All ihnen m�chte ich meinen besonderen Dank aussprechen. Johannes Paul II. sagte mir einmal und er hat es uns auch geschrieben: �Dank euch ist der Geist von Assisi nicht erloschen.� Ja, Dank euch ist er nicht verschwunden wie etwas, das au�er Mode kommt, sondern bleibt ein Ankn�pfungspunkt f�r den, der glaubt und der unter dem Krieg leidet.
Seit 20 Jahren treffen wir uns Jahr fuer Jahr, weil wir glauben, dass der Friede die Zukunft ist und dass ausserdem im Gebet die Wurzel des Friedens liegt. Dieses Bild von 1986 (die religioesen Fuehrer, die nebeneinander stehen) wurde jedes Jahr erneuert und wurde noch reicher und begab sich auf eine Reise durch die Welt. Wenn sie vom Frieden sprechen, drueken die Religionen das beste von sich aus.
Ich erinnere mich in Warschau 1989 in diesem angespannten Klima einer Welt, die zitterte, an die unvergesslichen Worte des zerbrechlichen Pietro Rossano, eines treuen Weggefaehrten dieser Traeume: �Jede Religion wendet sich, wenn sie das Beste von sich selbst ausdruekt, dem Frieden zu. Wir sind uns dessen bewusst, dass die Religion an sich eine schwache Kraft ist. Sie kennt keinerlei Waffen � Den vielen Worten zieht sie die Stille vor, um zu sich selbst zu kommen und nachdenklich zu werden. Aber sie besitzt die Kraft des Geistes, der sie stark machen kann��.
In Warschau und Auschwitz 1989 war, wie Kardinal Glemp sich erinnerte, die Zukunft noch voellig unklar. Viele Treffen haben stattgefunden: Bukarest 1998, das den Weg fuer die Reise von Johannes Paul II. nach Rumaenien eroeffnete; in Jerusalem und in vielen anderen Teilen der Welt, Jahr fuer Jahr. 20 Jahre Treffen, Gebet, Beziehungen Aktivitaeten fuer den Frieden. Energien fuer den Frieden wurden freigesetzt. Man denke nur an einige Geschichten der tatsaechlichen Befriedung wie der Geschichte Mosambiks.
Die Weisheit der Treffen hat uns kritisch gegenueber dem Gebrauch der Gewalt werden lasen, um Konflikte zu loesen. Wir wurden besorgt wegen des grossen Hasses, der wechselseitigen Ignoranz, der Erarbeitung theoretischer Konzepte ueber die Fremdheit. Dies alles hat uns davon ueberzeugt, dass man sich auf jeden Fall begegnen muss, um Dialog zu fuehren und ein Band der Freundschaft zu knuepfen. Wir wollten nichts Kuenstliches zwischen den Religionen aufbauen, sondern die Kunst der Begegnung ausfuehren, die ansteckend ist.
Man koennte sagen, wie man jeden Tag wiederholt, dass dies eine gefaehrliche Arglosigkeit angesichts der Bedrohung des Krieges und des Terrorismus darstellt: eine unverantwortliche Milde. Dies lehrte diese Kultur des Konfliktes, die das Denken vieler Zeitgenossen durchdringt Sie erklaert die Welt mit einer Mischung aus Politik und Metaphzsik des Schicksals. Sie stellt den Krieg und die Gegensaetze als natuerliche Gegebenheiten der Geschichte dar, sogar als Schicksal ganzer Religionen und Kulturen. Es ist eine Kultur, die sich als besonders realistisch darstellt, in Wahrheit aber stark vom Pessimismus gepraegt ist. Und der Pessimismus naehrt haeufig die schlechtesten Instinkte .
Wir glauben nicht an ein unvermeidliches Schicksal, nicht weil die Geschichte ein Geheimnis ist, wenn auch genau beobachtet. Wir glauben nicht an die Kultur des Konfliktes, denn das 20. Jahrhundert hat gezeigt, wie zwei Weltkriege, Kriege, die Shoah, Revolutionen, die sich als neue Schoepfer sahen, und der Kolonialismus, der sich als Zivilisator sah, ganze Voelker zutiefst verwundeten und Millionen von Menschenleben kosteten. Die Erfahrungen des letzten Jahrhunderts unterstuetzen uns daher und auch die alte Weisheit des Friedens, die sich in vielen Religionen wiederfindet.
Johannes Paul II. hat diese Weisheit der Begegnung unterstuetzt, die er in einer seiner 18 Botschaften definierte und uns damit einlud �eine neue Art sich unter Glaeubigen aus verschiedenen Religionen zu begegnen: nicht in der gegenseitigen Konfrontation und noch weniger in der gegenseitigen Verachtung, sondern in der Suche nach einem konstruktiven Dialog in dem, ohne in einem Relativismus oder in den Synkretismus abzugleiten, oeffnet sich jeder von uns fuer den anderei mit Hochachtung, indem wir alle uns dessen bewusst sind, dass Gott die Quelle des Friedens ist.�
Nach 20 Jahren fuehlen wir uns nicht verbraucht. Wir beugen uns nicht neuen Moden oder einem neuen kriegerischen Wind. Wir machn uns keine Sorgen darum, dass wir hier ein Ereignis wiederholen, das Ereignis von Assisi, denn gerade die religioesen Traditionen lehren uns den Weg der Wiederholung, des sich im Herzen Einpraegens. Wir sind davon ueberzeugt, dass die Weisheit des Treffens heute noetiger denn je ist, denn heute scheint unsere Welt Ordnung in der Kultur des Konfliktes und in den Entscheidungen zu suchen, die diese inspirieren.
Die Welt ist kompliziert. Man kann sie nicht dadurch ordnen und vereinfachen, indem man sie in Freund und Feind einteilt. Man muss vielmehr eine tiefe und direkte Erfahrung machen, wenn wir Menschlich bleiben wollen, n�mlich dem anderen begegnen. Gestern sagte mir Ayatolla Taskhiri mit tiefer Einfachheit: �Wenn der Mensch nicht das Bed�rfnis nach dem anderen versp�rt, verliert er seine Menschlichkeit. Er wird unmenschlich.� Wir alle haben es n�tig, uns zu begegnen! Der gro�e Patriarch Athenagoras, ein Zeuge vieler Zerreissproben, sagt am Ende seines Lebens, nachdem er viele V�lker kennen gelernt hatte: �Alle V�lker sind gut. Jedes verdient Respekt und Bewunderung. Ich habe die Menschen leiden sehen. Viele brauchen Liebe. Wenn sie b�se sind, dann deshalb, weil sie der wahren Liebe nie begegnet sind.� Dies ist eine Feststellung, die wir mit noch gr��erer �berzeugung nach 20 Jahren unterschreiben koennen.
Warum treffen sich hier Menschen aus verschiedenen religioesen Traditionen, verschiedenen Geschichten und Kulturen. Unter uns ist der Praesident der Republik von Burkina Faso, den ich mit Respekt gruessen moechte. Er vertritt ein Land, in dem Christen und Muslime gluecklich miteinander leben. Er wird hier aber auch ueber das Afrika suedlich der Sahara sprechen. Wir wollten immer, dass Afrika zu Wort kommt. Seine Marginalisierung im internationalen Leben ist bezeichnend fuer eine Welt, die keinen Frieden aufbaut.
Afrika stellt zugleich eine grosse Ressource fuer die Welt dar und ist ein Pruefstein fuer das internationale Gewissen.
Der Schmerz der Welt laesst uns auf der Suche nach diesem Reichtum, den die Welt nicht hat, uns unseren religioesen Traditionen zuwenden. Die Botschaft des Friedens laedt uns dazu ein, jedes gewalttaetige Gefuehl abzulegen und uns allen Hasses zu entledigen. Die Milde des Herzens, der Weg des Verstehens, der Einsatz des Dialogs zur Konfliktloesung, das sind die Ressourcen der Glaeubigen und der Welt. Dies sagte Benedikt XVI vor einem Jahr in Koeln, als er mit den Muslimen sprach. �Wir koennen der Angst und dem Pessimismus nicht nachgeben. Wir muessen vielmehr den Optimismus und die Hoffnung aufbauen. Der interreligioese und interkulturelle Dialog .. darf sich nicht auf eine saisonbedingte Entscheidung reduzieren. Er ist vielmehr eine Notwendigkeit, von der ein grosser Teil unserer Zukunft abhaengt.�
Der Dialog wird zu einer Methode und einer Entscheidung. Die Medizin des Dialogs erlaubt es uns, Verstaendnislosigkeit und Konflikte unter den Voelkern und Religionen zu heilen. Der Dialog zeigt, dass der Krieg und die Verstaendnislosigkeit nicht unbesiegbar sind.
Wir sind davon ueberzeugt. Deshalb sind wir hier und treffen uns auch weiterhin in diesem Geist des Friedens, der Zusammenarbeit, des Dialogs, in der Ueberzeugung dass das gemeinsame Netz der Freundschaft vielen Energien der Gewalt und des Boesen standhalten kann, und dabei die Kraefte des Friedens staerkt. Der Appell von Mailand 2004 endet folgendermassen:
�Vor allem muessen wir uns selbst aendern. Kein Hass, kein Konflikt, kein Krieg moege durch die Religionen beschleunigt werden. Der Krieg kann niemals durch die Religionen motiviert werden. Moegen die Worte der Religionen immer Worte des Friedens sein!�
Das ist unsere Hoffnung, die wir durch unseren Glauben und unsere Ueberzeugung bestaerken wollen. Dafuer danke ich euch.