Aachen 2003

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Dienstag, 9. September 2003 - Katschhof
Schlusszeremonie

  
  

Beatrice Kun Adon
Gemeinschaft Sant’Egidio
  

Ich heiße Beatrice und komme aus Liberia. Aufgrund der tragischen Ereignisse, die das Land durchlitten hat, wurde in der letzten Zeit viel über Liberia gesprochen. Liberia war das erste afrikanische Land, das die Unabhängigkeit erlangte. Sein Name bedeutet „Land freier Menschen“. Doch seit fast 15 Jahren ist es versklavt durch den Krieg, durch einen schrecklichen Bürgerkrieg, der im Jahr 1990 begann und von dem die Welt noch bis vor Kurzem wenig Notiz zu nehmen schien.

Wie viele meiner Landsleute musste auch ich das Land verlassen. Ich kam 1990 als Flüchtling nach Tabou in der Elfenbeinküste, in ein Land, in dem Frieden herrschte und in dem außer den liberianischen Flüchtlingen viele andere Ausländer lebten, manche bereits seit mehreren Generationen. Ich hatte das Glück, gleich nach meiner Ankunft Aufnahme bei der Gemeinschaft Sant’Egidio zu finden, die in einer Stadt nahe der Grenze zu Liberia lebt. Diese kleine Gemeinschaft wurde für mich zu einer neuen Familie, und ich war beeindruckt von ihrem Tun. Ich fragte mich: Wie ist es möglich, dass Jugendliche aus der Elfenbeinküste uns Ausländern helfen, indem sie unseren Kindern französisch beibringen, ohne etwas dafür zu verlangen? Und mir kamen viele andere Kinder in den Sinn, die in meinem Land geblieben sind und die dazu gezwungen werden, Waffen zu tragen, selbst mit 8 oder 10 Jahren, oder die für einen Hungerlohn verkauft werden.

Ich habe an den Frieden geglaubt und habe gemeinsam mit anderen Jugendlichen aus Liberia und aus der Elfenbeinküste für diesen Traum gearbeitet, für den Traum eines Kontinents Afrika ohne Kriege. Ich zog in die Elfenbeinküste, die zu meiner zweiten Heimat wurde. Und so kann ich heute sagen, dass meine Heimat sowohl Liberia als auch die Elfenbeinküste ist. Vielen Menschen in Westafrika, das einst keine Grenzen kannte, geht es wie mir.

Im Jahr 1997 schien sich die Lage in Liberia zu verbessern: Es fanden Wahlen statt und ein neuer Präsident wurde ernannt. Viele Liberianer begannen, zurückzukehren, auch meine Eltern. Heute, während ich hier zu Ihnen spreche, habe ich keinen Kontakt mehr zu ihnen. Denn in der Zwischenzeit ist der Bürgerkrieg wieder neu entflammt, mit größerer Gewalt als zuvor. Viele meiner Landsleute mussten von Neuem in die Elfenbeinküste zurückkehren, doch nicht allen gelang es: Manche starben an der Grenze vor Erschöpfung, wegen der starken Regenfälle oder an Hunger. Wer in die Elfenbeinküste zurückkehrte, fand ein verändertes Land vor. Denn in den letzten Jahren hat auch dieses Land den Bürgerkrieg und viele Probleme zwischen den Ethnien kennen gelernt.

Doch die Hoffnung, die ich heute im Herzen trage, ist groß. Diese Hoffnung entspringt aus diesen drei Tagen der Begegnung und des Dialogs über die Grenzen hinweg. Ich danke allen, die daran teilgenommen haben, und ich danke der Gemeinschaft Sant’Egidio, deren Name inzwischen für alle Afrikaner der Name des Friedens und der Hoffnung für ein neues Afrika ist. Ich erkenne dies daran, dass dort, wo die Diplomatie und die Politik scheitern, die Diplomatie der Freundschaft und des Gebetes siegen kann. Ich danke vor allem für den Einsatz für mein Land in den letzten Monaten: Die Gemeinschaft Sant`Egidio hat Liberia nicht vergessen, und hat sowohl in Rom als auch in Ghana eine wertvolle Vermittlerrrolle gespielt. Dass sich mein Land heute erneut für die Hoffnung öffnen kann, haben wir denen zu verdanken, die für den Frieden gearbeitet haben – und zwar unter größten Schwierigkeiten.

Ich habe diese Tage mit Ihnen allen intensiv gelebt, mit Männern und Frauen aus verschiedenen Religionen und Kulturen, und ich habe gesehen, dass hier in Aachen der Friede geherrscht hat. Mein Herz braucht Frieden. Mein Kontinent, Afrika, erwartet Frieden. Die ganze Welt wünscht sich den Frieden. Mit dieser Hoffnung und dieser Botschaft werde ich morgen abreisen. Ich werde in meinem Herzen bewahren, was ich gesehen und erlebt habe und werde die Erinnerung an Sie alle in mein Land tragen, damit es endlich auferstehen und in jenem Frieden leben kann, der von oben kommt.

 

 

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