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Deutsche Welle

15 September 2011

Dialog statt Bomben

Das Weltfriedensgebet in München

 
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Alles begann mit einer Sensation
Vor genau 25 Jahren lud Johannes Paul II zum ersten Mal in der Geschichte Repräsentanten aller Weltreligionen zu einem Friedensgebet nach Assisi ein. Das Ereignis war eine Sensation und wäre noch einige Jahre früher undenkbar gewesen – auf allen Seiten. Doch 1986 folgten führende Vertreter aller christlichen Konfessionen der Einladung des Papstes ebenso wie hochrangige Repräsentanten des Buddhismus und des Hinduismus, des Judentums, des Islam und vieler anderer Glaubensformen.
„Es gibt das Gebet, das bei aller realen Verschiedenheit der Religionen doch in jeder von ihnen die Verbindung mit einer Macht ausdrückt, die über unseren menschlichen Kräften steht. Der Frieden hängt ganz fundamental von dieser Macht ab, die wir Gott nennen,“ erklärte der Papst gegen Ende des Tages spürbar bewegt seinen Gästen und fügte hoffnungs-voll hinzu: „ Bei aller Verschiedenheit haben wir heute vielleicht neu entdeckt, dass das Problem des Friedens angesichts unserer religiösen Überzeugungen etwas ist, was uns verbindet.“

Eine Idee geht um die Welt
Für die Mitglieder der internationalen Basisgemeinschaft von Sant´ Egidio, die entscheidend bei der Vorbereitung des Ereignisses mitgeholfen hatten, stand sofort fest: der „Geist von Assisi“ musste weiter leben! Seit 1987 organisiert die katholische Bewegung daher Jahr für Jahr in einer anderen europäischen Metropole ein Gebetstreffen mit hochrangigen Gästen aus allen Weltreligionen. Brüssel und Jerusalem, Warschau und Barcelona gehörten bereits zu den Stationen. 2003 kam das Gebet erstmals in eine deutsch Stadt, nach Aachen, und hinterließ dort einen so starken Eindruck, dass der Gründer von Sant´ Egidio, der Historiker Prof. Andrea Riccardi, 2009 den Aachener Karlspreis erhielt.

Dieses Jahr fand die Veranstaltung  von 11. bis 13. September in München statt. Unter dem Motto „Zusammenleben – unsere Bestimmung“ konnten die fast 5000 Teilnehmer des Treffens in der süddeutschen Metropole erfahren, dass nach dem Vorbild von Assisi längst rund um den Globus Friedens-Initiativen existieren. Der Vorsitzende der Tendai-Buddhisten Japans, Gijun Sugitani, etwa schilderte, wie sich in seiner Heimat jedes Jahr Repräsentanten aller Glaubensformen auf einem heiligen Berg, dem Mount Hiei, zum Gebet treffen. Auch in vielen Ländern Afrikas gibt es inzwischen interreligiöse Friedens-Bewegungen, ebenso in Kasachstan oder Palästina. „Wir haben  ein Konzil der Religionsführer im Heiligen Land aufgebaut,“ versicherte der israelische Oberrabbiner Oded Wiener. „In ihm sind Christen, Juden und Muslime vertreten. Denn wir sind überzeugt, dass der Friedensprozess im Heiligen Land nur Erfolg haben kann, wenn wir Religionsführer in ihn mit einbezogen werden.“

Den Hass überwinden
Die Begegnung in München begann genau 10 Jahren nach den Terror-Anschlägen auf das World Trade Center in New York  mit einer Gedenkveranstaltung. „Diese Attentate“, betonte dabei Bundespräsident Christian Wulff, “waren ein Angriff auf unsere gemeinsamen Werte. Der Angriff zielte auf die ganze menschliche Gemein-schaft.“ Der Ehrengast aus der Politik appellierte daher an die Repräsentanten der Weltreligionen, sich unermüdlich gegen die Kräfte der Zerstörung abzugrenzen und gemeinsam für den Frieden einzusetzen.
Nie, das war in München immer wieder zu hören, dürften sich Religionen von politischen oder wirtschaftlichen Interessen manipulieren und missbrauchen lassen. Diese Verantwortung machte auch Benedikts XVI deutlich, der im Oktober auf den Spuren seines Vorgängers selbst nach Assisi pilgern wird, und das Treffen in München mit einem Grußwort begleitete: „Wenn Religion die Begegnung mit Gott verfehlt, ihn zu sich herab zieht, statt uns zu ihm hinauf zu heben,“  mahnte der Papst, „dann kann sie in solcher Weise zur Zerstörung des Friedens beitragen. Wenn sie aber zu Gott hinfindet, dann ist sie Kraft des Friedens.“

Die Botschaft unters Volk bringen
Drei Tage lang debattierten in München die Religionsvertreter in rund 50 Podiums-Diskussionen und Veranstaltungen über den Arabischen Frühling und den Muslimisch-christlichen Dialog, die Rolle der Frau in der Religion und die Folgen des Erdbebens in Japan, die jüngsten Anschläge in Norwegen sowie zahllose andere Themen. Und so gegensätzlich manche Meinungen auch waren, sie wurden stets geduldig vorgetragen und zur Kenntnis genommen. 
Diese Haltung zu verbreiten, sei heute eine der wichtigsten Aufgaben, erklärte der syrisch-orthodoxe Metropolit von Aleppo, Mar Gregorius, der seit 25 Jahren Teilnehmer der Gebetstreffen ist. „Erst wenn wir lernen, den Geist von Assisi im Alltag umzusetzen,“ so der angesehene syrische Geistliche, „werden wir in meiner Heimat und überall auf der Welt zu wirklichem Frieden finden.“ Dass eine solche Entwicklung keine Utopie sein muss, beteuerte der Großmufti von Sarajevo Mustafa Ceríc bei der Abschlusszeremonie vor dem Münchner Rathaus und lud Arm in Arm mit dem Bischof seiner Heimatstadt, Pero Sudar, alle Gäste zum Friedensgebet 2012 nach Sarajevo ein. „Versöhnung ist möglich“, so Mustafa Ceríc,“ während der blutigen Greul-Taten gegen uns Muslime in Bosnien hätten wir uns das nicht träumen lassen. Doch heute wissen wir: Es ist möglich.“

Ein Jahrzehnt des Friedens aufbauen
Vor der Schlussveranstaltung hatten alle Religionsgemeinschaften sich gemäß dem Geist von Assisi zum Gebet zurück gezogen, um dann gemeinsam vor Tausenden von Zuschauern einen Friedensappell zu unterzeichnen.  „Nach 10 Jahren, die gezeichnet waren von einer Kultur der Gewalt und dem Wahnsinn des Terrorismus, haben wir die Sehnsucht vieler nach einer neuen Zeit wahrgenommen,“ heißt es in dem Appell, “es gibt keine Zukunft im Krieg. Wer den Namen Gottes gebraucht, um den anderen zu hassen und zu töten, lästert den Namen Gottes… Hier in München haben wir die Sprache des Dialogs und der Freundschaft gesprochen. Durch den Dialog können wir ein neues Jahrzehnt des Friedens gestalten.“


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