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4 Juillet 2016

Begeisterung, Dankbarkeit - und Heimweh

Die "Papstflüchtlinge" von Lesbos leben sich in Italien ein

 
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Seit zwei Monaten sind die "Papstflüchtlinge" aus Lesbos in Rom. Sie leben sich ein, lernen Italienisch, kümmern sich um Registrierung und Dokumente - und werden dabei betreut von der katholischen Gemeinschaft Sant'Egidio. Aber von Routine und Normalität ist für sie bislang noch keine Spur.

 

Hasan Zaheda und seine Frau Nour aus Damaskus haben inzwischen über hundert Interviews gegeben. Der 31-jährige Landschaftsarchitekt und die 30-jährige Mikrobiologin sprechen perfekt Englisch. Sie brauchen keinen Dolmetscher, und haben beim Kontakt mit Medienleuten inzwischen Routine.

Und doch klingen ihre Schilderungen wie frisch erlebt: Wenn sie von ihrer Flucht im Dezember 2015 - auf illegalem Weg - in die Türkei berichten, wo sie zwei Monate lang quer durchs Land fuhren und dann weiter nach Griechenland. Wie die erste Überfahrt nach Griechenland scheiterte. Wie beim zweiten Anlauf ihr Schlauchboot drei Kilometer vor der Küste streikte und sie von einem Schiff gerettet wurden. Es war der 18. März, genau zwei Tage vor Inkrafttreten des Rückführungsabkommens zwischen der Europäischen Union und der Türkei.

Solidaritätsgeste von Papst Franziskus

Damit kamen sie in die engere Wahl für die Solidaritätsgeste von Papst Franziskus. Sie hätten schon vorher von seinem geplanten Besuch auf Lesbos gehört - und gehofft, dass sich etwas ändern könnte, dass vielleicht die Grenzen etwas geöffnet würden. Aber noch heute sprechen sie mit leuchtenden Augen von dem "Wunder": Als sie gefragt wurden, ob sie nach Italien fliegen würden. "Eigentlich wollten wir nach Frankreich, wo ich studiert habe. Aber natürlich haben wir sofort begeistert 'Ja' gesagt", sagt Nour.

Um die Auswahl der Gäste des Papstes hatten sich auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin die Leute von Sant'Egidio gekümmert, die seit längerem Erfahrung in der Flüchtlingsbetreuung haben. "Es ist Unsinn, dass die Papstgäste durch eine Lotterie ausgewählt wurden", wehrt sich Daniela Pompei gegen eine später verbreiteten Mär. Die Dozentin der Universita Roma Tre, die zum Beraterstab des früheren Integrationsministers und Sant'Egidio-Gründers Andrea Riccardi gehörte, hatte in den Tagen vor der Ankunft des Papstes im Lager Moria Gespräche mit in Frage kommenden syrischen Familien geführt - "sicher um die 30", schätzt sie. In Frage kamen nur Personen mit gültigen Papieren. Neben den Zahedas traf es zwei weitere muslimische Familien.

Inzwischen sind jedoch noch neun weitere syrische Lesbos-Flüchtlinge als Gäste des Papstes nach Italien gekommen. "Ihre Dokumente waren damals noch nicht komplett“, so Frau Pompei. Unter ihnen sind auch zwei Christen, der Assyrer Samir S. und der lateinische Katholik Abo P. Diese 21 Personen sind Gäste von Franziskus, werden aber - mit Unterstützung von Sant'Egidio - in Italien integriert; sie bekommen also keine vatikanische Staatsbürgerschaft oder Papiere mit dem päpstlichen Wappen. Familie Zaheda hat inzwischen von den italienischen Behörden ein fünfjähriges Bleiberecht erhalten, teilt sie stolz mit. Der Asyl-Antrag ist unterwegs, aber noch nicht fertig. Und sie haben noch keinen italienischen Pass. Das werde sicher noch eine Zeitlang dauern, meint die Syrerin, die ihr zweites Kind erwartet.

Gute Organisation von Sant'Egidio

Sant'Egidio kümmere sich rührend um sie. "Wir werden super organisiert", erzählt die Biologin. Natürlich sei  Sant'Egidio eine katholische Gemeinschaft, aber sie sei ökumenisch ausgerichtet und respektiere andere Religionen. Zum Ramadan hat die Organisation zu einem Iftar eingeladen, zu einem festlichen Essen zum abendlichen Fastenbrechen. Das Ehepaar Zaheda selbst fastet tagsüber auch, "denn wir haben Ramadan". Und es sei  anstrengender als in der Heimat - "weil die Tage hier länger sind als bei uns in Damaskus".

Sant'Egidio nimmt seine Verpflichtung für die Papstflüchtlinge ernst. Viermal in der Woche müssen sie zum Sprachkurs in ihrer "Scuola di Lingua e Cultura Italiana" (Schule der italienischen Sprache und Kultur) in einem alten Krankenhaus des römischen Ausgehviertels Trastevere. Und so kann Hasan auch schon sehr beredt mitteilen, dass er eifrig Italienisch lernt, dass ihm zwar noch die Worte fehlen, dass er aber schon vieles versteht. Und seiner Frau, die wegen des Kleinkindes nur zweimal zum Unterricht kommt, fällt es noch leichter, weil sie schon Französisch beherrscht.

 

Papst Franziskus trifft Flüchtlinge auf Lesbos.
Im April besuchte Papst Franziskus die griechische Insel Lesbos und traf dort mit Flüchtlingen zusammen.  KNA

 

Auch ihre Wohnsituation hat sich inzwischen verbessert - und hier hat die Familie erneut das große Los gezogen. Von der engen Flüchtlingsunterkunft mit Gemeinschaftsküche und -bad konnte sie in ein kleines Appartement umziehen - an Roms Toplage Piazza Navona. "Es gibt großzügige Menschen, die unsere Arbeit unterstützen und den Flüchtlingen helfen wollen", kommentiert ein Sant'Egidio-Mitarbeiter den glücklichen Umstand.

Sie wollen noch einmal den Papst treffen

Unterdessen hat Hasan seine Fühler nach einem Job ausgestreckt, bislang noch ohne Erfolg. Zunächst steht ohnehin der Sprachkurs im Vordergrund. Die Familie ist zufrieden und glücklich in Italien. Sie sind gefragte Interview-Gäste - und werben so auch für die Caritas-Arbeit des Papstes und von Sant'Egidio. Rom-Korrespondenten aus aller Welt wollen mit den muslimischen Vatikan-Gästen sprechen. Das schwedische Fernsehen möchte sie in ihre Übertragung zum kommenden Papstbesuch einbauen, wenn Franziskus am 31. Oktober zu einem gemeinsamen Reformationsgedenken nach Lund reist.

Aber die Familie hat auch Heimweh nach Damaskus und den zurückgeblieben Angehörigen. "Unsere Familien, unser Leben ist in Syrien. Wir fangen hier praktisch neu bei Null an." Täglich telefonieren sie mit ihnen via Internet. Und natürlich würden sie gerne zurückkehren, wenn in der Heimat Frieden herrscht. Auf jeden Fall aber hoffen sie, noch einmal den Papst zu sehen, der sie beim Flug von Lesbos nach Rom so freundlich begrüßte. "Ich habe ihm für diese Chance gedankt und für alles, was er für die Flüchtlinge tut." Franziskus habe ihr die Hand geschüttelt, "und er hat nur gelächelt". Diesen Dank möchte die Familie unbedingt nochmal wiederholen.